Verkehrssünder in Italien

Auf Italiens Autobahnen gilt Tempo 130 (bei Regen 110), auf Schnellstrassen 110, auf Landstrassen 90 und innerorts 50. Bis zu 10 km/h überm Limit kosten mindestens 38 €, zwischen 11 und 40 km/h sind auf jeden Fall 148 € und 2 Punkte fällig, darüber geht unter 357 € und 10 Punkten gar nichts; je nach den Umständen mag die Buße (italienisch: multa) empfindlich höher ausfallen. Innerhalb von 60 Tagen kann man Widerspruch einlegen. Touristen müssen die Geldstrafe aber als Kaution hinterlegen.
Gegen Ausländer die 20 Punkte in einem Jahr ansammeln, wird ein zweijähriges Fahrverbot für Italien verhängt. Wer geblitzt wird, etwa bei roter Ampel (ab 140 €) oder einer Geschwindigkeitskontrolle (italienisch: autovelox), bekommt den Bußgeldbescheid nach Deutschland zugestellt und muss sofort schriftlich erklären, wer gefahren ist, sonst setzt es ein zusätzliches Bußgeld von 250 €. Der deutsche Staat treibt italienische Bußgelder bislang nicht ein – Verhandlungen darüber laufen, stehen kurz vor einem Abschluss -, doch wer nicht zahlt, für den kann es beim nächsten Urlaub unangenehm werden. Auf welchen Autobahnen und Staatsstrassen Radarfallen stehen, veröffentlicht die Verkehrspolizei im Internet (www.poliziadistato.it).
Einen wöchentlich aktualisierten und für Urlauber nützlichen Überblick bietet die Zeitschrift „auto oggi“ (1,50 €) Bußgelder verhängen dürfen in Italien viele verschiedene Uniformträger die Staats- und Straßenpolizei, die militärisch organisierten Carabinieri, die Gemeindepolizei („vigili“), auf Offroad-Strecken die Forstpolizei und bei Verkehrskontrollen sogar die Finanzpolizei.
Den VFR-Fahrer traf es hart: Auf dem Weg zum Strand durchquerte er gemütlich ein kleines Adria-Städtchen und unterhielt sich dabei mit seiner Frau auf dem Beifahrersitz. Ganz Italiener, unterstrich er das Gesagte mit ein paar Gesten der freien Kupplungshand. Sein Pech, denn die Polizeipatrouille, die ihn kurz darauf aufhielt, sah darin einen Verstoß gegen Paragraf 168 der italienischen Straßenverkehrsordnung und konfiszierte die Honda – auf Nimmerwiedersehen.
Ebenfalls übel erging es einem GS-Fahrer auf einer Autobahn bei Rom, der sich auf dem Strandstreifen einem Stau vorbeihangelte. Behindert oder gefährdet wurde dabei niemand, dennoch setzte es eine Geldstrafe von 357 €, dazu 10 Punkte und ein zweimonatiges Fahrverbot.
Derartige Mega-Strafen häufen sich in Italien, die neue Durchgreif-Mentalität trifft auch Motorrad-Touristen aus dem Ausland. Was ist bloß los im Land von Rossi und Capriossi? Eigentlich liegen Zweiräder voll im Trend, Rekord-Zulassungen wie 2006 mit 164256 Motorrädern und knapp 300000 Rollern bescheren dem Staatssäckel seit Jahren riesige Mehrwertsteuer-Einnahmen. Die Regierung dankt – mit höheren Steuern für ältere Modelle und Gesetzen, die Motorradfahrern den Spaß verleiden. „In gewisser Weise ist das der Sinn und Zweck“, bestätigt Francesca Marozza von der halbstaatlichen Motorradfahrer-Förderation FMI, „das Klima hat sich für Motorradfahrer verschlechtert.“ Der Grund liegt vor allem in den hohen Unfallzahlen, deretwegen die Europäische Union Alarm schlug und Italien zum Handeln aufforderte.
In mehr als 40 Prozent aller Unfälle sind Zweiradfahrer verwickelt. 1862 Motorrad und Rollerfahrer kamen 2005 ums Leben, Tendenz steigend. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl bedeutet das traurigen europäischen Rekord. „Vergessen wird dabei aber“, sagt Marozza, „dass wir einen riesigen Bestand haben, nämlich rund zehn Millionen Zweiräder. Da passieren natürlich mehr Unfälle als in anderen Ländern.“ Die FMI jedenfalls setzt alles daran, absurde neue Vorschriften zu bekämpfen. Teilweise mit Erfolg, denn die Konfiszierung von Zweirädern, die damit in Staatsbesitz übergehen, wurde wieder abgeschafft. Nicht nur beim Fahren mit einer Hand wurde der Pilot seine Maschine los, diese drakonischen Strafen galten ebenso für Aufstehen während der Fahrt, Wheelies, Fahren ohne Helm oder schlecht befestigtes Gepäck.
Verabschiedet im August 2005, sollte das Gesetz die berüchtigten rollerfahrenden Handtaschen-Räuberin Neapel treffen, führte jedoch zu grotesken Auswüchsen. Tausende von Rollern und Motorrädern konfiszierten die Ordnungskräfte innerhalb weniger Monate. Auf Druck der FMI wurde der Paragraf im letzten Herbst modifiziert, wobei die Polizei Zweiräder aus den genannten Gründen noch immer für 60 bis 90 Tage beschlagnahmen kann. Autofahrer, die den Gurt nicht anlegen, kommen hingegen mit 5 Punkten und 70 € davon. „Gerecht ist das nicht“, urteilt der italienische Verkehrsexperte Riccardo Matesic. Er sieht als Hauptschuldige an der Misere die Heerscharen italienischer Rollerfahrer, meist Umsteiger vom Auto. „Das sind oft Leute ohne jede Zweiradkultur, und sie verursachen die meisten Unfälle.“ Die Zeche zahlen auch die Motorradfahrer.
„Als ich kürzlich mit einer Polizeistreife auf der Stadtautobahn in Rom unterwegs war“, erzählt Matesic, „wurden die Beamten zu einem Unfall gerufen, aber ein Rollerfahrer blockierte die Standspur. Trotz Blaulicht und Sirenen fuhr er kilometerweit vor uns her.“ Konsequenz aus solchen Vorkommnissen: Wurden Motorradfahrer, die auf dem Standstreifen an Staus vorbeifuhren, bislang toleriert, so müssen sie inzwischen mit hohen Strafen rechnen.
Ähnlich sieht es im Offroad-Bereich aus, viele Schotterpässe sind inzwischen für Motorräder gesperrt. Eine gewisse Schuld daran trifft die Motorradfahrer selbst, die in der Vergangenheit teilweise rücksichtslos drauflos gebollert sind. „Ich habe mal eine Gruppe deutscher Enduristen gesehen“, erzählt Offroader Giuseppe aus dem Veneto, „die kamen mit dem Hänger, haben ihre Motorräder abgeladen und innerhalb von zwei Tagen einen ganzen Hügel verwüstet. Kurz darauf verhängten die Behörden ein generelles Offroad-Verbot.“ Die Vorschriften sind von Region zu Region unterschiedlich; gesammelt finden sie sich im „Vademecum-Fuoristrada“, herausgegeben von der FMI (nur auf Italienisch erhältlich, www.federmoto.it).
Grundsätzlich rät die Motorradfahrer-Föderation ausländischen Touristen, Strecken abseits der Asphaltstraßen in Italien lediglich mit erfahrenen Reiseveranstaltern oder Ortskundigen unter die Stollen zu nehmen. Autobahnen und Staatsstrassen auf dem Stiefel sind längst mit Radarfallen gepflastert, besonders tut sich dabei das Touristen-Mekka Toskana hervor.
Inzwischen sind aber fast alle der 8101 Städte und Gemeinden Italiens auf den Trichter gekommen und bessern ihre Kasse mit Bußgeldern auf, indem sie Radarfallen auf geraden Strecken am Ortseingang platzieren. „Mit Prävention und Verkehrsicherheit hat das nichts zu tun“, schimpft Riccardo Matesic. „Da geht es nur darum, Geld zu machen.“
Vollends unübersichtlich gestaltet sich die Lage in den großen Städten. Wegen Feinstaub- und Smogalarm verbannen sie Fahrzeuge, die vor den Euro-Richtlinien zugelassen wurden; bei Motorrädern trifft das Modelle, die erst ein paar Jahre alt sind. In Florenz zum Beispiel gilt für Euro 0 ganzjährig Fahrverbot, in der Lombardei rund um Mailand für alle Zweitakter ohne Kat, nach Bologna dürfen jeden Donnerstag nur Motorräder mit mindestens Euro 2, und die Hauptstadt Rom wurde in drei Zonen mit verwirrend unterschiedlichen Regeln aufgeteilt. Sogar ihre Lärmempfindlichkeit haben die Italiener entdeckt.
Der Rennstrecke Monza drohte vor knapp zwei Jahren wegen der Klage einiger Anwohner die Schließung, erst großzügige Geldgeschenke an die ach so Hellhörigen sorgten für ihren Erhalt. In Imola ging der Streit um den Lärm so weit, dass die „Ducati Riding School“ ihre Kurse dort nur mit speziellen, extra-leisen Schalldämpfern für Serienmotorräder abhalten konnte. Derzeit wird die Rennstrecke umgebaut; Insider bezweifeln jedoch, dass der traditionsreiche Kurs je wieder für Motorräder geöffnet wird. Einen leichten Stand haben Zweiradfahrer in Italien derzeit also nicht, wenn auch zum Teil aus eigenem Verschulden.
„Wir Italiener tun uns generell schwer, Regeln zu respektieren“, sagt Francesco Marozza von der FMI. „Manche Motorradfahrer haben’s einfach übertrieben.“ Etwa mit nach oben gebogenen Kennzeichen, die verhindern, dass ein Blitzer die Nummer erkennt. Oder mit leer geräumten Auspuffanlagen, die ganze Dörfer aus dem Schlaf reißen. Oder – gerade im Süden – mit mangelndem Respekt vor der Helmpflicht. „Als Vertretung der Motorradfahrer arbeiten wir daran, das Image wieder aufzupolieren“, erklärt Marozza. Und dazu, so hofft man in Italien, werden im Sommer auch die als höflich und korrekt geltenden deutschen Motorradfahrer beitragen. Keine Panik: Zugegeben, das klinkt nicht gut, was Zweiradfahrern derzeit in Italien widerfährt. Doch keine Panik: Erfahrungsgemäß funktioniert eine solche „Mode“ jenseits des Brenners wie eine Regierungskrise – eine riesige Aufregung, geschürt von Parteien und Medien, nach einiger Zeit glätten sich die Wogen, und es geht so weiter wie bisher. Fast zumindest.
Das war so, als im August 2003 der Punkteführerschein eingeführt wurde, in anderen europäischen Ländern längst Realität. Als wollten Italiens Ordnungshüter die verlorene Zeit aufholen, regnete es plötzlich Geldstrafen, Punkte und Fahrverbote ohne Ende. Im Brennpunkt standen damals die Autofahrer. Inzwischen hat sich die Lage an der Autofront wieder beruhigt. Punkte und Strafzettel werden zwar weiter verteilt, doch mit mehr Augenmaß. Im Januar 2005 traf es die Rauche, der blaue Dunst in Restaurants und Bars wurde verboten, Bußgelder von mehreren tausend Euro waren für kurze Zeit keine Seltenheit. 2006 waren Italiens Hundehalter an der Reihe, mit Leinen- und Maulkorbzwang für ihre Vierbeiner und der staatlichen Kontrolle so genannter gefährlicher Rassen – bis nach wenigen Monaten die ganze Aufregung verpuffte.
Diesmal stehen also die Motorradfahrer im Brennpunkt der Kritik. Und noch machen Polizei und Carabinieri Ernst: Kürzlich fing sich ein unglücklicher Rollerfahrer aus Turin innerhalb weniger Minuten 144 Punkte und eine Strafe von über 2000 € ein. Vorsicht ist also geboten. Doch allen Vorschriften zum Trotz können die Italiener nicht aus ihrer Haut, das Strohfeuer wird kurz lodern und dann, wie üblich, in sich zusammenfallen. Leben und leben lassen lautet nun mal die landesweite Devise, und an die halten sich auch die Ordnungshüter – die meisten jedenfalls.