Tipps zur technischen Hauptuntersuchung
PRÜFTERMIN - Auch Motorräder müssen
regelmäßig zur technischen Hauptuntersuchung. Damit es die Plakette und keine
unangenehmen Überraschungen gibt, haben die Dekra-Motorradexperten wichtige
Tipps zusammengestellt
Alle zwei Jahre wieder beschleicht viele Motorradfans ein
ungutes Gefühl: Ihnen liegt die bevorstehende „Hauptuntersuchung nach § 29,
Anlage VIII StVZO“ schwer im Magen. Wo gehe ich hin, was wird der Prüfer machen
und kann der überhaupt Motorrad fahren? Diese Fragen vor der Prüfung sind zwar
gängig, zur Vermeidung von Frust beim Termin empfiehlt der Dekra-Motorradexperte
Stephan Dobler allerdings anderes: „Diese Prüfung ist alles andere als ein
Mirakel. Wer seine Maschine vorher selber auf Mängel checkt, der kann größere
Überraschungen vermeiden und damit Zeit und Geld sparen.“
Im Mittelpunkt der von Dobler empfohlenen
„Voruntersuchung“, die auch für Motorradler mit wenig ausgeprägter „Schraubermentalität“
möglich ist, stehen typische Bauteile, die starkem Verschleiß unterliegen:
Reifen:
Darauf achten, dass die Reifenpaarung mit der im Fahrzeugschein angegebenen
übereinstimmt. Die vorgeschriebene Mindestprofiltiefe beträgt 1,6 mm. Dobler:
„Das entspricht ungefähr dem Abstand der Null an ihrer schmalsten Seite und dem
Rand einer 50 Cent-Münze.“
Vorderradgabel:
Für diesen Check ist ein Helfer nötig, der sich auf dem Beifahrersitz des auf
dem Hauptständer stehenden Motorrads setzt, so dass das Vorderrad entlastet ist.
Die Vorderradgabel muss leicht nach links und rechts bis zum Lenkanschlag bewegt
werden können, ohne dass Rattermarken oder Rastpunkte auftreten. Zieht und
drückt man leicht am Vorderrad, darf im Lenkkopf kein merkliches Spiel vorhanden
sein. Die Tauch- und Standrohre müssen dicht sein, es darf kein Öl aus der
Vorderradgabel austreten.
Bremsanlage:
Die Bremsscheiben sollten eine ausreichende Stärke aufweisen und ohne tiefe
Riefen sein. „Eine Bremsscheibe, an der man sich schneiden kann, ist zu dünn“,
heißt der Dekra-Tipp. Selbstredend gilt das gleiche für die Bremsbeläge. Hier
sollte auf die Verschleißanzeige geachtet werden. Die Bremsschläuche dürfen
keine Scheuerspuren oder Risse aufweisen, die Bremsleitungen müssen ohne Rost
sein. Ein Blick ins Schauglas des Behälters für Bremsflüssigkeit gibt
Aufschluss, ob der Stand hoch genug ist. Dobler: „Bitte nicht vergessen, die
Bremsflüssigkeit rechtzeitig zu wechseln. Es gilt der in Motorradkreisen gängige
Spruch: Je dunkler, desto alt.“
Motor: Der
Motor sollte einigermaßen dicht sein. „Ein Motor, der leicht Öl ausschwitzt, ist
bestimmt kein Drama“, verweist der Dekra-Experte auf Ermessensspielräume beim
Prüfer: „Wer allerdings mit einem rollenden Öl-Springbrunnen vorfährt, der wird
keine Chance aufs Bestehen der Hauptuntersuchung haben.“
Kraftstoffanlage:
Tank und Vergaseranlage müssen dicht sein und ohne Korrosion.
Auspuffanlage:
Die Auspuffanlage darf nicht lose und nicht undicht sein. „Über das leidige
Thema Lärm wissen Motorradfans ja eh’ Bescheid“, spricht Stephan Dobler die
entsprechenden Grenzwerte und deren Einhaltung an.
Antriebsstrang:
Besitzer von Maschinen mit Antriebskette überprüfen die Kettenspannung, wie im
Handbuch beschrieben. „Man dreht das Hinterrad langsam mit der Hand und bei
angezogener Hinterachse. Ändert sich dabei die Kettenspannung ohne Zutun, dann
ist die Kette einseitig gelängt und muss ersetzt werden“, lautet des Prüfers Rat
zur Eigenprüfung: „Wenn an Kettenrad und Kettenritzel die Zähne im oberen
Bereich schon leicht verbogen sind, heißt dies im Fachjargon Haifischzähne. In
solchen Fällen ist der komplette Kettenkit verschlissen und muss getauscht
werden.“ Besitzer von Maschinen mit Kardan sollten das Kegelrad-Gehäuse auf
Dichtheit prüfen.
Beleuchtung:
Abblendlicht, Fernlicht und Standlicht (so vorhanden), Blinker, Rückleuchte und
Bremsleuchte müssen selbstverständlich funktionieren. „Aber auch das berühmte
Katzenauge darf nicht fehlen“, betont Dobler.
Falls der eine oder andere Routinier unter den Lesern
Tipps zur Überprüfung des Schwingenlager vermisst, stellen die Dekra-Experten
klar: „Moderne Motorräder haben Schwingenkonstruktionen, die sich leider nicht
mehr nur einfach mit einem Handgriff überprüfen lassen. Das sollte der
Fachwerkstatt überlassen werden.“
In einer guten Werkstatt sollten aber auch alle
anderen typischen Mängel bei einem Kundendienst entdeckt und behoben werden.
Beim schier unendlichen Thema „Vorschriftsmäßigkeit“ muss guter Rat ebenfalls
nicht zwingend teuer sein...
STVZO ODER EU-RICHTLINIEN?
Am meisten Ärger gibt es für Motorradfahrer bei der
Hauptuntersuchung beim Thema „Vorschriftsmäßigkeit“. „Selbst für uns Fachleute
ist dieses Gebiet nicht immer ganz leicht zu durchschauen“, betont
Dekra-Niederlassungsleiter und ADAC-Motorradsachverständiger Dipl.-Ing. Franz
Nowakowski den Vorschriften-Dschungel: „In Deutschland müssen wir sogar mit zwei
Regelwerken leben.“ Zum einen mit der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO),
zum anderen mit den Richtlinien der Europäischen Union (EU).
Die Prüfer müssen deshalb zuerst prüfen, ob das zur
Hauptuntersuchung vorgestellte Fahrzeug nach StVZO-Regeln oder EU-Recht
zugelassen worden ist. Nowakowski macht die Problematik an einem bekannten
Beispiel fest: „Ein Motorrad mit Zulassung nach StVZO benötigt zwingend eine
Hinterrad-Abdeckung, die maximal 15 Zentimeter über der Hinterachse aufhören
darf. Im Regelwerk der EU-Richtlinie ist eine solche Radabdeckung allerdings
nicht vorgesehen.“
Deshalb ist es nach Dekra-Ansicht generell ratsam,
das Motorrad in dem Zustand zu belassen, in dem es als Neufahrzeug ausgeliefert
wurde: „So kommt es zu den wenigsten Problemen.“ Für all diejenigen, die ihre
Maschine gerne individuell gestalten und damit verändern wollen, heißt der gute
Rat: „Bevor jemand seine Maschine umbaut und womöglich viel Geld in den Sand
setzt, sollte er lieber vorher bei der nächsten Prüfstelle nachfragen.“
Dass gerade die kompetente Dekra-Beratung sehr
geschätzt wird, will Franz Nowakowski nicht verhehlen: „Das System der
Dekra-Motorradexperten bei unseren Prüfstellen trägt Früchte. Schließlich sind
alle unsere Prüfer auch selbst begeisterte Motorradfans und keine Halbgötter in
Grün.“